wie es sich anfühlt gesund zu werden

September 23, 2018

In den letzten Wochen habe ich mich so leicht gefühlt wie seit Anfang 2017 nicht mehr. (Und das nicht nur, weil ich ein paar Kilo abgenommen habe.) Irgendwie ist es fast, als hätte ich mein altes Selbst zurück. Als wäre ich endlich wieder ich. Ein bisschen die Person, die ich war, bevor das mit der Depression losging. Und doch anders. 

So richtig beschreiben kann ich dieses Gefühl nicht. Ich weiß nur, dass sich seit einiger Zeit alles viel weniger schwer anfühlt. Was nicht heißen soll, dass das Leben plötzlich ganz einfach geworden ist. Im Gegenteil. Die vergangene Woche war sogar ziemlich hart. Doch irgendwie fällt es mir jetzt leichter, damit umzugehen. Ich bin ein bisschen gelassener geworden. Vielleicht habe ich auch endlich ein bisschen mehr Vertrauen entwickelt. In mich selbst und in meine Zukunft. 

Das Krasse ist ja, dass ich mir noch vor einem Jahr überhaupt keine Zukunft vorstellen konnte. Wenn ich versuchte darüber nachzudenken, wie es mit mir weitergehen sollte, dann war es, als würde ich gegen eine Mauer laufen. Als hätte sich ein schwarzes Loch aufgetan und da wäre einfach nichts als gähnende Leere. Ich habe mehrfach versucht, meiner Ärztin dieses Phänomen zu erklären, doch die kam jedes Mal nur mit ihren alles andere als hilfreichen Kommentaren daher. Doch seit einigen Wochen ist diese Blockade weg. Ich schmiede wieder Pläne. Ich denke über das nach, was ich erreichen möchte. Und was am wichtigsten ist: ich arbeite endlich wieder aktiv an der Umsetzung und Verwirklichung meiner Vorhaben.

Als ich mich im August 2017 krankschreiben ließ und meinem Arbeitgeber erzählte, dass ich (nach gerade mal vier Wochen im Unternehmen) vorerst zwei Wochen nicht da sein würde, wurde ich umgehend gekündigt. Ich habe darüber (außer mit engen Bekannten und Verwandten natürlich) nie offen gesprochen. Einfach, weil es mir unangenehm und peinlich war. Weil ich nicht nur krank, sondern zusätzlich dazu auch noch arbeitslos war. Sozusagen als cherry on top. Weil Arbeitslosigkeit sich für mich irgendwie immer nach Faulheit anhörte. Und ich weiß einfach verdammt gut, dass ich alles andere als faul bin. Aber meine Depression lähmte mich. Und riss eine riesige Lücke in meinen Lebenslauf. 

Damals war ich zwar erschüttert, doch gleichzeitig war die Kündigung für mich eine unglaubliche Erleichterung. Früher oder später hätte ich wahrscheinlich sowieso selbst gekündigt, denn schon nach zwei Wochen wusste ich, dass ich in diesem Büro niemals glücklich geworden wäre. Ich erinnere mich noch wie der Kollege, mit dem ich das Zimmer teilte, von einem Ehemaligen erzählte, der an Depressionen litt. Er sprach so abfällig darüber, dass mich das im Nachhinein richtig wütend macht. Zu dem Zeitpunkt kannte ich zwar meine eigene Diagnose noch nicht, doch ich wusste schon, dass psychisch bei mir irgendwas nicht ganz knusper war. Auch diese Unterhaltung trug schließlich zu meiner Entscheidung bei, offen mit meiner Erkrankung umzugehen. Denn ich möchte einfach nicht für und mit Menschen arbeiten, die so etwas verurteilen. Die ganze Erfahrung hat mich also einiges gelehrt und so konnte ich rückblickend auch Gutes daraus mitnehmen. 

Alle Ereignisse des letzten Jahres - Krankheit, Kündigung, Klinikaufenthalt - haben jedenfalls dazu geführt, dass ich nun hier allein in einem Zimmer irgendwo südlich von Nürnberg sitze und diesen Blogpost abtippe. Ich glaube, am allermeisten hat tatsächlich mein letztes Einzelgespräch in der Klinik dazu beigetragen. Denn bis dato war ich noch immer ziemlich planlos, wie es mit mir weitergehen sollte. Es stand nur fest, ich würde danach nicht erneut unendlich lange krankgeschrieben werden. Dieser Gedanke machte mir unheimlich viel Angst! Plötzlich musste ich wieder über meine Zukunft nachdenken. Musste mir überlegen, was ich eigentlich vom Leben will. 

Eigentlich hatte ich mich schon damit abgefunden, dass ich vorerst willkürlich irgendeinen Teilzeitjob annehmen würde. Brötchen verkaufen um Brötchen zu verdienen. Irgendwas. Hauptsache nicht zusätzlich lange arbeitslos sein, Hauptsache nicht wieder in ein blödes Büro, Hauptsache mich nicht selbst überfordern. Nun, ein paar kurze Worte meiner Therapeutin reichten aus, um mich davon zu überzeugen, dass ich genau das eben nicht wollte. Ich wollte nicht auf Teufel komm raus irgendwas machen! Ich wollte etwas machen, was mich erfüllt. Etwas, das mir entspricht.

Und genau deswegen bewarb ich mich schließlich nicht um einen Aushilfsjob. Stattdessen recherchierte ich Firmen und Stellen, die mich wirklich ansprachen. Die genau das beinhalten, was ich möchte. Nämlich kreativ arbeiten! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, irgendwo mein Leben zu verschwenden. Tagtäglich darauf zu warten, dass endlich Feierabend oder Wochenende ist. Ich möchte nicht wieder in ein Ingenieurbüro, in dem ich Arbeiten mache, die ich einfach ätzend finde. 

Dass ich nun für (vorerst) vier Wochen in Franken gelandet bin, war irgendwie Zufall. Oder Schicksal? Jedenfalls habe ich hier einen Job gefunden, der all das vereint, was ich gesucht habe. Ich wollte nicht wieder in der Architektur arbeiten, mache nun aber etwas, was nicht vollkommen fachfremd ist. Weil meine Heimat ja doch ein Stück weg ist und ein überstürzter Umzug weniger sinnvoll wäre, bin ich erstmal auf Probe hier. Wenn es mir gefällt und der Arbeitgeber auch Interesse hat, wird sich mein Leben wohl bald gewaltig auf den Kopf stellen. Aber ich lasse das alles auf mich zukommen - etwas, was ich früher nie gekonnt hätte. Allein die Möglichkeit, nach so langer Zeit und trotz steiniger Wege wieder Zukunftsluft zu schnuppern, hat mir jedoch unglaublich viel Kraft und Mut gegeben.

Ich hatte so meine Zweifel, ob ich allein in einer völlig fremden Umgebung, mit neuen Leuten, mir unbekannten Aufgaben und ungewohnt langen Arbeitszeiten wohl klarkommen würde. Doch ich muss sagen, die letzte Woche hat mir gezeigt, dass ich das packen kann. Mit ein bisschen Achtsamkeit und Geduld klappt das schon. Es ist nicht einfach, aber es fühlt sich leichter an als vieles, was ich in letzter Zeit durchgemacht habe. Und ich weiß jetzt endlich, wie es ist gesund zu werden: voller Hoffnung und Gelassenheit. In den nächsten drei Wochen wird sich zeigen, was meine Zukunft so mit sich bringt.

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