digital detox

August 05, 2018


Ständig online, ständig erreichbar, ständig up to date - für uns ist das längst zur Normalität geworden. Das Smartphone immer in Reichweite, können wir in Sekundenschnelle alles posten und die Welt an unserem Leben teilhaben lassen. Wir können gogglen, bekommen Benachrichtigungen sofort und sind immer auf dem neuesten Stand. Wir teilen, wir liken, wir scrollen. Wir sind präsent. Wir verpassen nichts. Wir sind gebildet, informiert. Wir haben immer den vollen Durchblick!

Doch wie präsent sind wir eigentlich noch im echten Leben? Offline? Wenn wir mit gesenkten Köpfen, auf das ach-so-handliche Gerät schauend, durch die Straßen laufen? Wenn wir lieber im Messenger Nachrichten verschicken, als im Café mit unserer Begleitung zu sprechen? Wenn wir offensichtlich nichts verpassen, außer das reale Geschehen um uns?



Vergangenes Wochenende verbrachte ich zwei Tage zum Katzensitten auf dem Hof meines Vaters und entschied mich während dieser 48 Stunden bewusst dafür, mein Smartphone, das Tablet und den Laptop beiseite zu legen. Die beiden letzteren Geräte kamen gar nicht erst mit und mein Telefon blieb ohne Internetverbindung und - Herzlich willkommen auf dem Dorf! - größtenteils auch ohne jegliches anderes Signal.

In den letzten Wochen (vorallem im Urlaub und auch schon zuvor in der Klinik) hatte ich nämlich festgestellt, wie erholsam es ist, einfach mal für eine Weile offline zu sein. Es tut so gut, Momente bewusst wahrzunehmen, ohne gleich alles davon online teilen zu müssen. Ich habe während der Therapie viel über Achtsamkeit und Entschleunigung gelernt und gemerkt, wie wichtig es für mich ist, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. So hilfreich und innovativ das Internet auch ist, es herrscht dort nun mal einfach ein massiver Informationsüberfluss. Man neigt dazu, sich online automatisch mit vielen Dingen zu beschäftigen, die eigentlich unwichtig sind oder vielleicht (im schlimmsten Fall) sogar unnötig belasted wirken. (Ich habe genau aus diesem Grund schon vor einer ganzen Weile sämtliche Nachrichten-Apps von meinem Smartphone entfernt.)

Zur Belastung kann auch die ständige Erreichbarkeit werden: gefühlt immer für jeden da sein und sofort antworten zu müssen. Vorallem, wenn man dadurch vielleicht sogar noch den Drang hat, berufliche Nachrichten in der Freizeit zu bearbeiten. Früher war das gar nicht möglich. Natürlich war früher auch nicht alles besser und ich sehe den Fortschritt keinesfalls negativ, doch das Leben war eben in gewisser Weise noch ruhiger und entspannter. Jetzt, wo alles immer schnelllebiger wird und wir immer mehr unter Stress stehen, werden eben auch die weniger schönen Seiten davon deutlich.



Es ist eben doch auch sehr gesund, mal nur für sich selbst da zu sein. Sich sinnvoll und bewusst zu beschäftigen, statt seine wertvolle Zeit mit Scrollen zu verbringen. Klar, ich mach das auch gern: mich zum Abschalten auf's Sofa legen und schauen, was es neues auf den sozialen Medien gibt. Mich berieseln lassen, mir Inspiration holen und wissen, was so in der Welt abgeht. Aber ich möchte dabei immer im Hinterkopf behalten, dass ich eben nichts verpasse, wenn ich nicht alle fünf Minuten mein Telefon checken kann; dass das Leben sich vorallem offline abspielt und online vieles mehr Schein als Sein ist. Das Internet bietet so viel Ablenkung von den eigentlich wichtigen Dingen, auf die man sich vielleicht lieber konzentrieren sollte.

Ich muss nicht immer alles sofort googlen, immer alles gleich wissen, alles tracken und ständig alles unter Kontrolle haben. Ich muss nicht immer wissen, wie spät es ist oder was XY mir vielleicht gerade geschrieben hat. Wie wird das Wetter? Werde ich sehen, wenn ich aus dem Fenster schaue oder vor die Tür gehe. Klar, wir neigen dazu, sowas wissen zu wollen, um planen zu können und vorbereitet zu sein. Aber ist das wirklich immer notwendig? Ändern können wir viele Dinge eh nicht und alles immer planen zu wollen, ist auch ziemlich stressig.



Auf dem Dorf fiel es mir ziemlich leicht, offline zu sein. Dort ticken die Uhren sowieso anders, vorallem am Wochenende und wenn man nichts vor hat. Im Alltag oder unter der Woche ist es wahrscheinlich deutlich schwieriger, mal wirklich ein paar Tage lang nicht erreichbar zu sein. Aber vielleicht ist es schon ein guter Schritt, das Telefon täglich für einige Stunden auf Flugmodus zu stellen. Um sich besser konzentrieren zu können oder einfach, um mal Ruhe zu haben. Mal wieder ein Buch zu lesen, statt Blogposts, haha. Oder um kreativ zu werden.

Tatsächlich ging das Wochenende auch ohne soziale Medien sehr schnell rum. Ich lag im Garten und habe die Zeit vergessen, den Moment genossen und einfach mal entspannt. Ich habe nichts gespostet und nichts von dem geteilt, was ich vermeintlich tolles getan oder erlebt habe. Manchmal vergesse ich das nämlich, dass Augenblicke mindestens genauso viel wert sind, wenn man sie einfach erlebt - ohne sie festzuhalten. Fotos können Gefühle nur bedingt rüberbringen und manchmal reicht eben auch die Erinnerung. Etwas überhaupt nur erleben zu wollen, weil man es am besten live online teilen möchte, ist ja auch irgendwie schwachsinnig. Was wirklich zählt, ist der Moment. Nicht das, was davon online geht.

Ich habe daher am Wochenende - und auch allgemein in letzter Zeit - nur verhältnismäßig wenige Fotos gemacht. Stattdessen habe ich endlich wieder gelesen, spontan aus Fallobst Apfelkompott gekocht, Brombeeren und die ersten reifen Pflaumen gepflückt, mir für diesen Blogpost handschriftliche Notizen gemacht, mit den Katzen gekuschelt und vorallem: die Ruhe und das Dorfleben ohne Empfang genossen.


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