Psychiatrische Tagesklinik | mein Fazit

July 08, 2018


Als wäre es erst gestern gewesen, so erinnere ich mich an meinen Aufnahmetag in der Psychiatrischen Klinik. Ich weiß noch, wie ich am 17. April auf dem Sofa im Foyer saß, unsicher und skeptisch, und nicht wusste, was mich erwarten würde. Ganze zwölf Wochen ist dieser Tag nun her. Zwölf Wochen - ein viertel Jahr - einfach so vorbei. Irgendwie verrückt, denn obwohl das für manch einen wahrscheinlich eine sehr lange Zeit ist, fühlt sie sich für mich irgendwie viel zu kurz an. Die vergangenen sechs Wochen seit meinem Halbzeitbericht sind in Sekundenschnelle an mir vorbeigezogen. 

Besonders diese zweite Hälfte der Behandlung war für mich unglaublich wichtig. Obwohl ich auch zuvor schon zahlreiche Erkenntnisse aus der Klinik nach Hause tragen konnte, habe ich in den letzten Wochen noch mal viel mehr über mich, meine Gedanken, meine Gefühle und mein Verhalten gelernt. Ich habe realisiert, wie wichtig es ist, dass ich auf mich achte. Viel zu lange habe ich das nämlich offenbar nicht getan. Jahrelang habe ich meine eigenen Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche ignoriert. Aus Angst vor Ablehnung, aus Unsicherheit. Fehlendes Selbstbewusstsein hat dazu geführt, dass ich Dinge gedanklich ewig in mich hineingefressen habe, statt sie auszusprechen. Ich habe einfach nie gelernt, ordentlich zu kommunizieren, wenn mir etwas auf dem Herzen lag. Das Verlangen nach Anerkennung hat mich dazu gebracht, immer auf das Wohl anderer zu achten und mich dabei selbst zu vergessen. Jahrelang habe ich nicht mal gemerkt, wie hoch dadurch meine innere Anspannung, mein innerer Druck eigentlich wurde. Mein Streben nach Perfektion hat, gekoppelt mit ständig vorhandenen negativen Gedanken, dazu geführt, dass ich mich selbst immer kleiner redete und immer unzufriedener mit mir wurde. Mit jedem übergangenen Gefühl geriet ich noch mehr unter Stress. Schließlich haben all diese Faktoren dazu geführt, dass ich nun bin, wer und wo ich bin. Nämlich: Luisa, 25, depressiv und emotional instabil, mittlerweile nicht mehr Patientin in der Psychiatrie, aber trotzdem irgendwie erst ganz am Anfang auf meinem Weg zur psychischen Gesundung.

Mir selbst einzugestehen, dass ich all diese Baustellen - all die vermeintlichen Makel, Fehler und Schwächen - habe, war hart. Anders kann ich es nicht sagen. Schließlich lebe ich seit nun bald 26 Jahren in meinem Kopf, habe meine eigene Wahrheit entwickelt und logischerweise immer geglaubt, dass meine Gedankengänge normal sind. Denn für mich waren sie es ja auch. Ich habe mir eingeredet, dass ich im Vergleich zu anderen schlecht bin, dass ich mir einfach mehr Mühe geben und mich zusammenreißen müsste. Zahlreiche negative Grundannahmen haben mich ständig dermaßen unter Druck gesetzt, dass ich nicht mal mehr mitbekommen habe, wie angespannt ich eigentlich war. Erst vergangene Woche habe ich gelernt, wie ich darauf achten kann. Für mich ist es in Zukunft wichtig, zu erkennen, welche Frühwarnsignale mir Stress verdeutlichen. Denn wenn ich diese Signale wahrnehme, dann kann ich funktional handeln. Damit es nicht erst wieder zu Dissoziationen kommen muss, bis ich merke, dass irgendwas nicht mit mir stimmt.

Obwohl diese Einsichten nur langsam kamen und ich noch sehr viel Zeit zur Bearbeitung all meiner Probleme brauchen werde, bin ich dankbar, dass ich nun zumindest weiß, woran genau ich in Zukunft arbeiten kann. Das geschützte und intensive Umfeld der Tagesklinik hat mir da definitiv sehr gewolfen. Denn auch wenn ich mich anfangs als vergleichsweise gesund eingeschätzt habe, musste ich schmerzlich feststellen, dass ich lange nicht so stabil bin, wie ich es gern wäre. Tatsächlich hatte ich aber nur einen Tag, an dem es mir nach einem unschönen Start in den Morgen wirklich so beschissen ging, dass ich blass und mit roten, tränengefüllten Augen wie ein Zombie durch die Klinik spaziert bin. Auf die Nachfragen der Mitpatienten, was denn los sei, konnte ich nur den Kopf schütteln. (Was da wieder ein Beweis für meine Instabilität und die Kommunikationsprobleme wäre.)



Es war der Donnerstag in meiner elften Woche. Der Tag, an dem mir nach meinem Eintreffen im Krankenhaus am Morgen eröffnet wurde, man würde mir jetzt direkt (in Anbetracht meiner bald bevorstehenden Entlassung) Blut abnehmen. Wer meinen ersten Erfahrungsbericht zur Tagesklinik aufmerksam gelesen hat, der weiß vielleicht, dass sich natürlich direkt wieder Panik in mir breit machte. Ich kann mit Nadeln und Spritzen und dem ganzen Kram nämlich nicht so gut. Trotzdem ließ ich die Prozedur über mich ergehen und war anfangs eigentlich recht positiv gestimmt. Zumindest so lange, bis mir die Schwester eröffnete, dass leider kein Blut käme. Ich habe in dem Moment mein eigenes Gesicht zwar nicht gesehen, aber ich kann mit Sicherheit sagen, man konnte mir deutlich ansehen, wie begeistert ich von dieser Nachricht war. (Gar nicht, natürlich.) Als der zweite Versuch auch fehlschlug und sich ein stechender Schmerz in meinem Unterarm breit machte, halfen dann auch meine Atemübungen nur noch sehr wenig. Lange Rede, kurzer Sinn: in diesem Moment wurde mir mal wieder meine eigene Schwäche deutlich und irgendwie konnte ich damit eher nicht so gut umgehen. Ich bin in den letzten Wochen eigentlich fast mehrfach täglich an meine Belastungsgrenzen gestoßen und mit diesem kleinen Zwischenfall machte sich dann wieder eine zusätzliche Menge Unsicherheit in mir breit. Glücklicherweise waren alle Anwesenden aber sehr rücksichtsvoll und als ich den dritten Blutabnahmeversuch um die Mittagszeit dann erfolgreich überstand, war ich extrem erleichtert.

Gemeinsam mit meiner neuen Therapeutin analysierte ich diese Situation anschließend und da wurde mir wieder bewusst, dass ich oft versuche, meine Gefühle ein bisschen zu sehr unter Kontrolle halten zu wollen. Denn ich darf sehr wohl weinen, wenn mir nach einer misslungenen Blutabnahme der Arm wehtut und mein Kreislauf zickt. Und wenn andere Menschen sich Sorgen machen und mir helfen wollen, dann darf ich mich auch öffnen und diese Hilfe annehmen. Offensichtlich fällt mir das nach wie vor nämlich unglaublich schwer. Gefühle zu zeigen macht angreifbar - so eine meiner abstrusen Grundannahmen. Im Skillstraining haben wir uns genau zu diesem Thema ausgetauscht. Im Modul Emotionsregulation ging es nämlich darum, dass Gefühle logischerweise absolut menschlich sind. Wir haben Emotionen, um uns lebendig zu fühlen und außerdem auch, um Informationen auszutauschen. Und nur, wenn ich meine Gefühle und Bedürfnisse äußere, können Andere darauf eingehen.

Es ist gar nicht so einfach, mich plötzlich zu öffnen, nachdem ich jahrelang eine Mauer aus scheinbarer Gleichgültigkeit um mich aufgebaut hatte. In einer Feedbackrunde (die ich selbst erbeten hatte) wurde mir jedoch noch mal deutlich gesagt, wie gut und wichtig es ist, manchmal offener zu sein. Ich neige dazu, oft abweisend zu wirken. Vorallem dann, wenn ich jemanden nicht gut kenne und vielleicht dieser Person gegenüber unsicher bin. Tatsächlich bin ich erst immer sehr skeptisch und brauche ziemlich lange, um aufzutauen. Auf der anderen Seite - in aufgetautem Zustand - aber bin ich sehr freundlich und komme mit den meisten Menschen auch wunderbar aus. Der enge Kontakt zu so vielen verschiedenen Persönlichkeiten unterschiedlicher Altersgruppen hat mir noch mal gezeigt, dass ich wohl doch gar nicht so langweilig, unerwünscht und seltsam bin, wie ich mir beispielsweise zu Schulzeiten immer selbst einredete. Ich hatte die Möglichkeit, viele interessante Gespräche mit einer Gruppe bunt zusammengewürfelter Personen zu führen, die ich als sehr bereichernd empfand. Zu merken, dass ich nicht allein mit meinen Problemen bin und es doch Menschen gibt, die mir in vielen Dingen sehr ähnlich sind, war unglaublich wichtig für mich.

Achja, das hatte ich bisher ganz vergessen zu erwähnen: erst vor drei Wochen wechselte meine Bezugstherapeutin. Die Stationsärztin, die zuvor meine Therapeutin war, verließ die Station und so wurde ich einer anderen zugeteilt. Im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass dies eigentlich schon viel eher gut für mich gewesen wäre. Ich hatte bereits von Anfang an Zweifel und fühlte mich nie wirklich wohl in den Einzelgesprächen. Doch ich sah es als Konfrontation und zog es daher durch, obwohl (oder eben vielleicht gerade weil) mich diese Gespräche extrem unter Druck setzten. Bereits im ersten Gespräch mit der neuen Therapeutin jedoch wurde mir klar, dass ich während der gesamten Therapiezeit hätte viel offener sein können, wenn ich sofort die für mich geeignete Ansprechperson gehabt hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette. Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert und es war eben, wie es war. Akzeptanz heißt offenbar das Zauberwort in der Psychologie.



Ansonsten verliefen die Therapietage eigentlich genau wie in den vorhergehenden Wochen auch - ich lernte in der Konzentrativen Entspannung, mehr auf meinen Körper zu achten, in der Ergotherapie merkte ich wieder mal, dass ich einfach wirklich ein unglaublich kreativer Mensch bin und das nicht ständig anzweifeln sollte und die Regulativen Musiktherapie zeigte mir, dass ich Geräuschen gegenüber sehr feinfühlig reagiere. In den Mittagspausen spielte ich Tischtennis mit einigen meiner Mitpatienten, oder versuchte es zumindest. Freitags half ich alle zwei Wochen beim Kuchenbacken und fast täglich lachte ich über dämliche Witze. Ich verstand, wie wichtig es ist, Nein zu sagen und meine Meinung zu vertreten. Und ich merkte wieder und wieder, dass Perfektionmus unendlich anstrengend und frustrierend ist.

Am Donnerstag - einem viel zu heißen 5. Juli - wurde ich dann offiziell mit der folgenden Diagnose entlassen: F32.1 mittelgradige depressive Episode. Da ich diese Diagnose bereits im August letzten Jahres bekommen hatte, überraschte sie mich wenig. Dennoch hatte ich selbst angenommen, dass das Ausmaß meiner Depression über die letzten Monate deutlich geringer geworden war, was aber offensichtlich doch nicht der Fall ist. Mir wurde im Abschlussgespräch von den Therapeuten und Ärzten auch noch mal unmissverständlich mitgeteilt, dass Antidepressiva für mich sehr wohl in Frage kämen und ich diese doch bitte nach erfolgter Rücksprache mit einem Psychiater einnehmen solle. Ganz glücklich bin ich darüber natürlich nicht (denn ich will das irgendwie ohne schaffen), einen Termin beim Psychiater werde ich mir aber trotzdem holen. Zusätzlich dazu wurde mir angeboten, in etwa einem Jahr erneut zu einer Intervallbehandlung in die Tagesklinik zu kommen. Sollte sich mein Zustand in den nächsten zwölf Monaten also nicht erheblich bessern, werde ich dieses Angebot auf jeden Fall annehmen.

Neben vielen wichtigen Denkanstößen, neuen Bekanntschaften, künstlerischen Werken und einer Prise Selbstbewusstsein, nehme ich auch unglaublich viel Dankbarkeit mit nach Hause. Dankbarkeit für diese Zeit, die lange düster war, mir aber für die Zukunft Licht ins Leben bringen kann. Ich weiß jetzt, dass ich emotional wirklich etwas instabil und auch affektlabil bin und in diesem Bereich eine dezente Persönlichkeitsakzentuierung habe. Für mich gilt nun, darauf zu achten und dysfunktionale Reaktionen zu vermeiden. Einsicht ist bekanntlich der erste Schritt zu Besserung. Ich neige ja immer dazu, mehr zu wollen und mich selbst zu verurteilen, weil ich auf meinem Weg erst ganz am Anfang stehe und meiner Ansicht nach schon so viel weiter hätte sein müssen. Also habe ich mir einen schönen Vergleich zurechtgelegt, der mir verdeutlicht, dass man eben nur eins nach dem anderen erreichen kann: man kann kein Käsebrot schmieren, ohne ein Scheibe Brot als Grundzutat zu haben.

So also lautet mein Fazit zur Tagesklinik: die Zeit dort war bereichernd und grundsteinlegend. Viel zu kurz, aber auch unglaublich anstrengend. Ich habe unendlich viele Eindrücke und Erfahrungen gesammelt. Ich habe viele tolle Persönlichkeiten kennengelernt, die etwas ähnliches durchmachen und mich verstanden und auch bestärkt haben. Ich bin gewachsen. An mir selbst und meinen Problemen. Wenn auch langsam und nur ein klitzekleines Stückchen. Aber es kostet Mut und Kraft und Stärke, sich seinem inneren Dämon zu stellen. Ich kämpfe tagtäglich mit mir, gegen mich. Ich arbeite daran, sanft zu mir zu sein und mich selbst zu beschützen, während in meinem Kopf ein Höllenfeuer tobt. Ich möchte für mich selbst da sein und daran glauben, dass es sich lohnt, weiterzukämpfen. Ich habe jahrelang alles gegeben und immer noch mehr gewollt. Aber die Wahrheit ist: manchmal reicht weniger auch aus. Und ich bin eben gerade noch ziemlich kaputt - vielleicht sogar mehr, als ich mir selbst bisher eingestanden habe. Und deswegen brauche ich jetzt auch erstmal Urlaub. Ich muss raus aus meinem Kopf, raus in die Welt, rein ins Leben, was mich lebendig hält.

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1 comment/s

  1. Der letzte Absatz: großartig. Nicht nur vom Inhalt - du hast das alles toll dargestellt - sondern auch sprachlich. Und so wahr..." ich muss raus aus meinem Kopf, raus in die Welt, rein ins Leben, was mich lebendig hält."

    P.S. Luisa, wenn du mal denkst, da vorne kommt 'ne Wand, dann melde dich bei mir. Direct message per Insta. Unbekannterweise. Ich weiß. Ich werde dir helfen.

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