höher, schneller, weiter

June 24, 2018

Wohin man auch schaut, praktisch überall springen einem derzeit motivierende und mobilisierende Zitate ins Auge. Die sozialen Medien sind übersät mit Beiträgen zur Selbstoptimierung, Persönlichkeitsentwicklung und Erfolgsverbesserung. Gefühlt geht es in unserer Gesellschaft immer häufiger darum, möglichst weit zu kommen, viel zu erreichen und besser zu sein als andere. Hauptsache mehr! Hauptsache höher, schneller, weiter! 

─ DREAM BIG & WORK HARD ─

Ständig misst man sich und sein Leben an den Errungenschaften Anderer, vorallem aber vermehrt auch die eigenen Schwächen an den Stärken Fremder. Foto- und videobasierte Netzwerke laden förmlich dazu ein, die oftmals bis ins Detail bearbeitete Onlinepräsenz von XY mit der eigenen, ungeschönten Realität zu vergleichen. Mit Gleichwertigkeit hat das wirklich nur noch wenig zu tun. Persönliche Erfolge erscheinen in Relation zu Anderen oft plötzlich wie Nichtigkeiten und selbst was ursprünglich als Motivation zur eigenen Weiterentwicklung gedacht war, kann schnell in Selbstkritik umschlagen. Die kleinen Schritte werden immer unbedeutender, während man stetig weiter nach Optimierung strebt und anfängt, sich selbst und seine bisher erzielten Erfolge kleinzureden. Natürlich ist es richtig und auch wichtig, im Leben Ziele und Träume zu haben und auf deren Verwirklichung hinzuarbeiten. Doch zu hohe Erwartungen können unheimlich großen Druck erzeugen. Was man bei all der angestrebten Entwicklung und Verbesserung niemals vergessen darf: wie weit man auf seinem Weg schon gekommen ist. Denn auch die kleinen Erfolge zählen und sind unumgänglich - ohne sie kann man kein größeres Ziel erreichen. 

Um Überforderungen zu vermeiden, sollten die eigenen Ansprüche regelmäßig hinterfragt und mit der Realität abgeglichen werden. Die persönlichen Standards sind nämlich das, was bei der Zielverfolgung immer am wichtigsten ist. Jeder sollte selbst abschätzen und sachlich entscheiden, welche Erwartungen subjektiv betrachtet auch tatsächlich umsetzbar und erreichbar sind. Dabei bringt es natürlich wenig, sich und seine Werte mit denen anderer zu vergleichen. Jeder Mensch muss selbst entscheiden, was er von seinem Leben erwartet. Muss man denn beispielsweise unbedingt das schnellste Auto, die tollste Wohnung oder immer die neueste Kleidung haben, um im Leben glücklich zu sein? Bedeutet mehr zu haben automatisch auch, zufriedener zu sein? Und wer entscheidet eigentlich, was als Erfolg zählt und was nicht?



Die Vorstellungen eines erfüllten und erfolgreichen Daseins werden bei den wenigsten Menschen zu hundert Prozent übereinstimmen. Allein durch persönliche Lebensumstände ergibt sich ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Was für den Einen locker schaffbar ist, scheint für den Anderen vielleicht schier unerreichbar. Und das ist auch vollkommen okay so. Die Wahrheit ist: es wird immer jemanden geben, dessen Perspektiven besser sind und der offenbar erfolreicher, schöner oder talentierter ist als man selbst. Sich davon nicht negativ beinflussen und herunterziehen zu lassen, ist manchmal gar nicht so einfach, aber dennoch unglaublich wichtig. Man muss nicht immer überall der Beste sein. Man muss nicht mal immer und überall überhaupt gut sein. Niemand hat und kann alles. Darum sollte es auch gar nicht gehen. Was viel mehr zählt ist, dass man ein gutes Leben mit dem führen kann, was man eben hat.

Sich nicht selbst unter Druck zu setzen ist die hohe Kunst, wenn man sowohl internen als auch externen Ansprüchen gern in einem gewissen Ausmaß gerecht werden möchte. Man muss sich dabei bewusst machen, dass es keinen Zweck hat, alles bestenfalls schon vorgestern getan und gehabt haben zu wollen. Im Umgang mit Belastungen ist es wichtig, sich Prioritäten zu setzen. Eigentlich ist das immer im Leben wichtig. Denn man kann nicht alles gleichzeitig machen und auch nicht alles sofort umsetzen und erreichen. Oft ist es viel hilfreicher, die Dinge eins nach dem anderen zu erledigen und sich für jedes die nötige Zeit und Kraft zu nehmen. Es gibt da eine ganz schöne Textstelle aus Momo von Michael Ende. Darin geht es darum, dass es hilfreich ist, sich bei der Verfolgung eines großen Zieles immer auf die einzelnen, kleinen Etappen zu konzentrieren. Wenn man etwas Schritt für Schritt erarbeitet und sein Endziel konkret unterteilt, dann erscheint es weniger überwältigend. Egal, ob es darum geht, eine größere Summe an Geld zu sparen, soundsoviele Kilo abzunehmen oder auf einen neuen Lebensabschnitt hinzuarbeiten - eigentlich fast alles lässt sich auf Zwischenziele und Einzelschritte herunterbrechen.

Am Wichtigsten jedoch ist es, im Hinterkopf zu behalten, dass man sich eben nicht ständig selbst optimieren muss. Immer nach etwas Besserem zu streben, legt ja zu Grunde, dass man mit seiner derzeitigen Situation oder Leistung nicht zufrieden ist. Perfektionismus und der ewige Wunsch nach Entwicklung und Verbesserung ist nicht nur anstrengend, sondern kann nun mal auch schnell für Enttäuschung und Überforderung sorgen. In jedem möglichen Zusammenhang eine bestimmte Erwartungshaltung zu haben, die natürlich nie gänzlich erfüllt wird, ruft Frust hervor. Und damit erreicht man logischerweise genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen möchte. Denn schließlich verfolgt man Ziele und Träume ja, um mehr Zufriedenheit zu erlangen. So viel einfacher wäre es da doch, von Grund auf stolz und dankbar zu sein. Stolz auf das, was man schon erreicht hat und dankbar für die Dinge, die man hat.

Und dann, dann kann man sich verbessern; seine Ziele verfolgen und dafür arbeiten. Ohne nach links und nach rechts zu schauen; ohne sich zu vergleichen. Ohne ständig alles besser oder perfekt machen zu müssen. Sondern Schritt für Schritt. Jeder in seinem Tempo und nach seinen Möglichkeiten; jeder in die selbst ausgewählte Richtung. Manchmal höher, machmal tiefer. Machmal schneller, manchmal langsamer. Manchmal weiter, manchmal kürzer.

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