wie Depressionen und Ängste entstehen

May 06, 2018

 "10 Jahre lang ging es und dann kam ganz plötzlich diese Depression."

Viele Betroffene kennen es sicher, dieses riesige Fragezeichen im Kopf: wie kommt es nur, dass man jahrelang ein scheinbar zufriedenes Leben führen kann und sich dann mir nichts, dir nichts in einer depressiven Episode wiederfindet und plötzlich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist? Weil das Fass eben irgendwann voll ist und dann überläuft!

Mittlerweile ist meine dritte Woche in der Tagesklinik um und ich konnte bereits einige neue Erfahrungen und Denkanstöße mit nach Hause nehmen. In einigen Gruppentherapiesitzungen unterhielten wir uns beispielsweise darüber, wie Depressionen und Ängste eigentlich entstehen und zusammenhängen. Ich hatte mir nie zuvor ernsthafte Gedanken darüber gemacht, aber mir ist es während der Gespräche nicht nur einmal wie Schuppen von den Augen gefallen. Denn unterbewusst weiß ich seit Monaten, wodurch meine Depression letztendlich ausgelöst wurde und was sie mit meinen eigenen Ängsten zu tun hat.

Die Entstehung einer Depression hängt von den unterschiedlichsten Faktoren ab und verläuft natürlich immer ganz individuell. Eine unserer Therapeutinnen beschrieb es als ein Fass, welches nach und nach gefüllt wird. Die Grundlage am Boden des Fasses bildet die Genetik. Einige Menschen haben genetisch bedingt stärkere Neigungen, eine Depression zu entwickeln, andere Menschen geringere. Dann kommen natürlich die Lebensumstände hinzu - die Prägung in der Kindheit und Jugend, der gesundheitliche Zustand et cetera - die eine große Rolle spielen. Traumatisierende Ereignisse - das können Katastrophen, Kriege, Unfälle, Übergriffe oder ähnliche seelische Verletzungen sein - füllen ebenfalls das Fass. Und schließlich ist da der Stress, der es zum Überlaufen bringen kann. Da jeder natürlich unterschiedlich stark belastbar und verletzbar ist, können manche Menschen mehr Stress in ihrem Fass aushalten und andere eben weniger. Diese unterschiedlichen Toleranzgrenzen sind normal und etwas, was ich mir selbst immer wieder bewusst machen muss. Jeder nimmt seine Umwelt, seine Erlebnisse und auch den Stress anders wahr. Manch einer kann Berge von Stress ohne Probleme aushalten und bei anderen reicht eine kleine Menge, um das Fass voll zu machen. Das hat absolut nichts damit zu tun, dass sich diese - vielleicht anfälligeren und sensibleren - Leute einfach mal zusammenreißen und diesen Druck gefälligst aushalten müssen.

Allein diese Übertragung erklärt schon, dass Depressionen nicht mal eben so von heute auf morgen auftreten. Sie stauen sich über Monate oder Jahre hinweg an. Stress, Druck, Ängste, Frustrationen, Unzufriedenheiten und und und machen das Fass immer voller, bis schließlich nichts mehr hineinpasst. Eine depressive Episode bricht dann aus, wenn einfach alles zu viel wird und es Körper und Geist nicht mehr schafft, damit umzugehen. In gewisser Weise sind Depressionen also eine Art Schutzmechanismus, der signalisiert: bis hier hin und nicht weiter. Irgendwann wird es eben zu viel, dann kann auch der gesündeste Körper dem immer größer werdenden Druck nicht mehr standhalten. Der angesammelte Stress muss dann zuallererst natürlich abgebaut werden. Dabei helfen (vorallem anfangs) natürlich oft Psychopharmaka, mit denen ich allerdings bisher keine Erfahrungen gemacht habe. In der Therapie - die ich für essentiell (und besonders in meinem Falle für sehr viel wichtiger als Medikamente) erachte - geht es dann vorallem darum, die konkreten Ursachen für diesen Ausbruch zu finden und sie zu bearbeiten. Zur langfristigen Bekämpfung von Depressionen muss man lernen, mit all den Faktoren und dem Stress umzugehen und einen Abfluss in seinem Fass zu schaffen. Denn nur, wenn man den Pegel in seinem Fass zukünftig unter Kontrolle hält, kann man dafür sorgen, dass es nicht irgendwann wieder überläuft und dann erneut eine Depression ausbricht. Um dies zu tun, gibt es verschiedene Techniken, zum Beispiel Achtsamkeitsübungen, Bewältigungsmechanismen, Entspannungstechniken, Skills - all die schönen Sachen, die ich derzeit in der Tagesklinik lerne.



Mir war bis zu einem der Gruppengespräche übrigens nicht direkt klar, dass auch persönliche Ängste unheimlich in die Entstehung einer depressiven Phase hineinspielen. Im Nachhinein macht es aber natürlich vollkommen Sinn, denn Ängste führen zu noch mehr Druck und Stress, der wieder das Fass weiter füllt. Eigentlich sind Ängste eine überaus sinnvolle Reaktion des Gehirn und des Körpers, denn sie sorgen dafür, dass in Gefahrensituationen der Überlebenswillen einsetzt und man sich schützen will. Angst ist also das Bedürfnis nach Flucht und Schutz; mit der Angst steigt so auch der Stresslevel im Körper und man ist dann praktisch konstant angespannt und bereit, zu fliehen. Vorallem ständig im Kopf herumschwirrende Ängste - wie Zukunftsängste, Verlustängste, Versagensängste - führen also dazu, dass man immer unter Stress steht. Und selbst, wenn diese Sorgen in den meisten Fällen absolut banal und unbegründet sind, können sie für den Menschen irgendwann zu viel werden und in ihm den Wunsch nach Flucht auslösen. Die Sorge, nicht gut genug zu sein, ist zum Beispiel die, die mich schon sehr lange begleitet. Zu hohe Ansprüche (egal, ob diese von extern oder intern kommen) können umheimlich erdrückend sein und wenn man das Gefühl hat, diesen nicht gerecht zu werden, kann das noch mehr Unruhe mit sich bringen. Frustration und Unzufriedenheit steigen dadurch, was erneut das Selbstbewusstsein schwächen kann und dazu führt, dass noch mehr Ängste entstehen. Natürlich will man irgendwie aus der Situation entkommen, findet aber oft allein keinen Ausweg. Irgendwann scheint einfach alles sinnlos zu sein und ehe man sich versieht, steckt man kopfüber in der Depression.

In den letzten Wochen ist mir nach diversen Gesprächen endlich auch bewusst geworden, was mein Hauptziel für die Zeit in der Tagesklinik ist und was ich durch die Therapie erreichen möchte. Obwohl ich ja nun schon seit Oktober letzten Jahres in psychotherapeutischer Behandlung bin und dort schon einiges lernen konnte, ist das alles ein sehr langwieriger Prozess. Allein mir einzugestehen, dass das eben Zeit braucht und sich jahrelang erlernte Verhaltensmuster und Gedankenstrukturen nicht mal nebenbei von heute auf morgen ändern, ist nicht unbedingt einfach. Ich kann nunmal nicht alles sofort perfekt können. Und ich muss es auch gar nicht. Ich muss nur anfangen, an mir zu arbeiten und meine Sichtweisen zu ändern. Leider sagt sich all das aber immer so viel leichter, als es in der Umsetzung nachher ist. Für diesen Post hier zum Beispiel wollte ich eigentlich ein paar Skizzen zur Veranschaulichung anfertigen, aber irgendwie war ich damit einfach nicht zufrieden und fing wieder an, mich selbst unter Druck zu setzen. Deshalb gibt es hier (wieder) ein paar Fotos von den Fliederblüten, die ich diese Woche jeden Morgen an der Straßenbahnhaltestelle auf dem Weg zur Klinik bewundert habe. Denn wenn ich mich schon tagein tagsaus mit den erwähnten wirklich anstrengenden Themen beschäftige und das dann noch hier reflektiere, kann ja wenigstens das Drumherum ein bisschen hübsch und leicht sein. Übrigens möchte ich auch noch mal darauf hinweisen, dass ich absolut kein Experte in Sachen Psychologie bin und momentan nur meine eigenen Erfahrungen sammle und teile. Depressionen sind beispielsweise nicht immer nur psychisch bedingt, sondern können mitunter auch körperliche Ursachen haben.

You Might Also Like

1 comment/s

  1. Ich bin so stolz auf dich. Danke, dass du deine Erkenntnisse mit uns und der Welt teilst <3

    ReplyDelete