Psychiatrische Tagesklinik | erste Eindrücke

April 22, 2018


Als im Sommer letzten Jahres meine depressive Episode diagnostiziert und ich deswegen krank geschrieben wurde, war ich am absoluten Ende meiner Kräfte. Rückblickend wäre zu dem Zeitpunkt ein stationärer Aufenthalt für mich wahrscheinlich gar nicht so verkehrt gewesen. Da ich allerdings eben erst umgezogen war und mich nicht bereit fühlte, schon wieder meine (gerade erst vertraut werdende) Umgebung zu verlassen, war der Besuch einer Klinik für mich damals undenkbar. Ich entschied mich deswegen dafür, lediglich eine ambulante Psychotherapie zu beginnen. 

Nach monatelanger Suche nach einer geeigneten Therapeutin, startete ich dann irgendwann im Oktober endlich mit regelmäßigen Sitzungen. Am Anfang klappte das so auch echt gut - ich konnte offen über meine Probleme sprechen, fühlte mich verstanden und mein Zustand besserte sich. Doch nach einiger Zeit stellte ich fest, dass mir diese Gespräche im 2-Wochen-Takt einfach nicht ausreichten. Ich war irgendwo in der Mitte der Leiter angekommen, machte (meiner Auffassung nach) nur noch sehr langsam Fortschritte und schaffte es irgendwie nicht so recht, weiter aus meinem Loch hinaufzuklettern. Im Januar fasste ich dann - nach langem Hin- und Herüberlegen und Rücksprache mit meiner Therapeutin - den Entschluss, dass der Besuch einer Psychiatrischen Tagesklinik für mich wohl sinnvoll wäre.

Ich holte mir einen Einweisungsschein bei meiner Ärztin und kam mir dabei ziemlich merkwürdig vor. Anschließend vereinbarte ich telefonisch einen Vorstellungstermin in einer Klinik, die meine Therapeutin mir empfohlen hatte. Ende Januar fand dieser Termin dann statt. Ich führte ein Gespräch mit der Oberärztin, berichtete ihr von meinem Krankheitsverlauf und meiner Symptomatik und sie erzählte mir von der Klinik. Obwohl ich nach der Unterhaltung aus diversen Gründen mit gemischten Gefühlen das Krankenhaus verließ, wollte ich an meinem Entschluss festhalten und auf einen Platz in der Klinik warten. 

Die Wartezeiten für einen solchen Platz betragen durchschnittlich übrigens um die 3 Monate, also wurde dann mal wieder meine Geduld auf die Probe gestellt und ich hatte ausreichend Zeit, um meine eigene Entscheidung noch etliche Male zu hinterfragen. (An diesen ewig langen Wartezeiten muss sich wirklich mal was ändern!) Mitte März dann bekam ich jedenfalls endlich den Anruf, dass es für mich am 17. April losgehen sollte. In den verbleibenden Wochen blickte ich mit zwiespältigem Gefühl in den Kalender und wurde immer unsicherer, ob ich mit der Umstellung, dem neuen Alltag und der neuen Umgebung wohl klarkommen würde. Als der eigentlich so lange ersehnte Dienstag dann kam, war ich unfassbar angespannt.



Der Tag meiner Aufnahme verlief ... anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich war nervös und fühlte mich fremd. Die Schwester, die mit mir die Aufnahme durchführte, hatte irgendwie noch zehn weitere Dinge gleichzeitig zu klären und so saß ich ziemlich lange einfach nur rum und wartete, dass jemand endlich mal Zeit für mich hatte. Auch das Gespräch mit der Stationsärztin, die gleichzeitig meine neue Bezugstherapeutin ist, verschob sich um mehrere Stunden. Zwischenzeitlich wurde ich noch eine Weile spazieren geschickt, doch auf der Station konnte ich nichts tun, als angespannt da zu sitzen und auf den Boden zu starren. Handys/elektronische Geräte sind nämlich nicht erlaubt und ein Buch hatte ich nicht dabei. Irgendwann war ich (wohl verständlicherweise) einfach nur noch genervt. Als ich erfuhr, dass mich am nächsten Morgen erstmal eine Blutabnahme erwartete, war der Tag für mich dann endgültig gelaufen. 

Der Eindruck des ersten Tages brachte mir wieder unendlich viele Zweifel und am Abend konnte ich kaum einschlafen. All die komischen Vorschriften, an die ich mich plötzlich halten muss, die mir für mich persönlich aber irgendwie sinnlos erscheinen. Die Art, wie das Personal mit mir redet (ein bisschen, als wäre ich ein Kleinkind). Was, wenn das doch nicht das Richtige für mich ist? Was, wenn ich es nicht schaffe, mich in die Gruppe einzugliedern? Was, wenn die mich nicht ernst nehmen? Was, wenn ich mich dort nicht öffnen kann, so wie ich es meiner bisherigen Therapeutin gegenüber konnte? Was, wenn sie mich zwingen wollen, Medikamente zu nehmen, obwohl ich das vielleicht nicht möchte? Was, wenn sie feststellen, dass ich eigentlich doch viel zu gesund bin, um überhaupt da zu sein? Tausend verwirrende Gedanken raubten mir den Schlaf - keine gute Voraussetzung, um am nächsten Morgen fröhlich 7:30 Uhr auf der Matte zu stehen und mich meiner Angst vor der Nadel zu stellen, die sie mir dann in den Arm rammen wollten.

Glücklicherweise war mein Mittwoch dann aber viel besser, als ich nach dem eher unschönen Aufnahmetag erwartete. Die Blutabnahme überstand ich, ohne dabei (wie sonst bei Impfungen immer) immense Kreislaufprobleme zu bekommen und konnte so doch ganz positiv in meinen ersten richtigen Tag als Patientin starten. Da es sich bei der Tagesklinik um eine teilstationäre Behandlung handelt, ist es übrigens fast, als würde man zur Arbeit gehen. Montag bis Freitag nimmt man etwa von 7:30/8:00 Uhr bis 15:00 Uhr am Therapieangebot teil und wird vor Ort verpflegt. (Die Nachmittage, Abende und Wochenenden verbringt man privat.) Jedenfalls erwartete mich nach dem Frühstück gleich meine erste Oberarztvisite, danach gab es diverse gruppentherapeutische Aktionen. Allgemein ist die Therapie in der Tagesklinik sehr viel mehr auf die Gruppe ausgelegt und daher in der Regel nicht so intensiv, wie eine ambulante Psychotherapie. Allerdings profitiert man natürlich von den Erfahrungen der Mitpatienten und kann sich gegenseitig unterstützen. So zumindest meine Hoffnung bisher, haha. 

Ich hatte Anfangs ein paar Probleme, mich auf einige der Programmpunkte einzulassen, habe aber doch relativ schnell festgestellt, dass die schon alle ihren Sinn und Zweck haben. Der Bewegungstherapie gegenüber war ich zum Beispiel skeptisch, aber die stellte sich als ziemlich lustig heraus. Auch Progressive Muskelentspannung hielt ich immer für ein wenig lächerlich, hat mich allerdings doch unglaublich gelockert. Und Ergotherapie ist sehr künstlerisch und deshalb natürlich genau mein Ding, das hatte ich auch vorher schon erwartet. Die einzelnen Angebote sind zeitlich jeweils auf maximal etwa eine Stunde begrenzt und zwischendurch gibt es ausreichend Pausen. Bei Bedarf hat man auch mal die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Das Essen ist übrigens - für Krankenhausessen - auch gar nicht so schlecht und die Portionen sind für mich deutlich zu umfangreich. Mit einigen positiven Eindrücken konnte ich am Mittwoch dann also die Klinik verlassen.

Der Donnerstag war ein kurzer Vormittag, der vorallem aus einem Gruppengespräch, der Gruppenergotherapie und der Musiktherapie bestand. Ich hatte zum ersten Mal die Möglichkeit, die anderen Patienten im Gespräch ein wenig besser kennenzulernen und konnte erste richtige Kontakte knüpfen. Ich habe mich auch wieder mehrfach dabei ertappt, wie ich meine eigenen Bedürfnisse zurückstellen wollte, um auf andere einzugehen und musste mir dann erneut bewusst machen, dass ich eigentlich nur für mich dort bin. Nicht, um Freunde zu finden und auf andere zu achten, so hart das klingen mag. Ich habe festgestellt, dass ich lernen möchte, auch allein in der Masse zu sein und mich dabei nicht fremd zu fühlen. Manchmal habe ich nämlich einfach keine Lust, mit anderen zu agieren und sitze lieber still für mich. In anderen Momenten hingegen würde ich mich gern einbringen, weiß aber nicht, wie. Und im Gruppengespräch habe ich bemerkt, dass es mich wieder ganz schön nervös gemacht hat, vor etwa zehn fremden Personen über mich selbst zu reden. Daran möchte ich arbeiten: mehr Selbstsicherheit. Ich will nicht ständig Angst haben, etwas falsches zu sagen oder einen schlechten Eindruck zu machen. Trotz des zeitigen Feierabends war der Donnerstag wegen all der neuen und alten Gefühle dann auch irgendwie ziemlich anstrengend. Abends musste noch der Einkauf erledigt werden und ich merkte, dass ich erschöpft war und sich der Gang in den Supermarkt plötzlich stressiger und überwältigender anfühlte als sonst.

Am Freitag startete ich noch etwas verschlafen in Richtung Klinik, konnte dann aber doch recht schnell munter werden. Ich bin ganz froh, dass es morgens mittlerweile schon wieder hell ist, das macht mir das Aufstehen doch deutlich leichter. In der Ergotherapie konnte ich mein am Mittwoch begonnenes Aquarell-Gekleckse weitergestalten und hatte dabei einen kurzen Anflug leichter Unzufriedenheit. Danach stand wieder eine Visite an, diesmal allerdings nur mit der Stationsärztin. Jeder erzählte von seinen Plänen für das bevorstehende Wochenende. (Da eine geordnete Tagesstruktur für viele psychisch Angeschlagene gar nicht so einfach ist, wird relativ genau darauf geachtet, wie jeder seine Zeit so einteilt.) In der anschließenden Back-Runde begann ich eine ziemlich intensive und interessante Unterhaltung mit einem Mitpatienten, die wir noch während des Mittagessen und bis ans Ende unserer Mittagspause fortführten. In diesem Gespräch hatte ich zum ersten Mal wirklich das Gefühl, angekommen zu sein und auch verstanden zu werden. Zu erkennen, dass andere Leute mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben und man sich gegenseitig ein wenig in der Bewältigung unterstützen kann, ist echt ermutigend. Danach war ich ziemlich ausgelaugt und konnte mich absolut gar nicht auf das Autogene Training einlassen. Zu meiner Erleichterung endete der Tag dann aber auch mit dem gemeinsamen Wochenabschluss-Café. Wir verabschiedeten noch vier Patienten, die ihre Zeit in der Tagesklinik damit geschafft und beendet hatten und ich verabschiedete mich erschöpft und mit rauchendem Kopf ins wohlverdiente Wochenende.

Obwohl ich anfangs eher kritisch und unsicher war, ob die Tagesklinik der richtige Ort für mich ist, blicke ich dankbar auf diese ersten drei/vier Tage zurück. Ich habe bereits jetzt einige interessante Erkenntnisse gesammelt und wieder mehr über mich selbst gelernt. Aus der Zeit in der Klinik - wie lang auch immer diese für mich sein wird - werde ich so viele Erfahrungen wie möglich mitnehmen. Für die kommenden Wochen habe ich mir vorgenommen, offener zu sein und mich darauf einzulassen, auch wenn ich gleichzeitig nicht alles dort super finden und nicht immer Ja und Amen sagen muss. In den nächsten Tagen werde ich mir definitiv auch erstmal wieder mehr Zeit für mich allein gönnen, auf meine Bedürfnisse achten und am Nachmittag einfach mal gar nichts machen. Denn es war wohl nicht ganz so klug von mir, mir in dieser ersten Woche nachmittags zusätzlich zahlreiche Freizeitaktivitäten in den Kalender zu ballern. Mein Körper, der vorher lange auf Sparflamme lief, musste plötzlich wieder einheizen und durchstarten - und zwar richtig. Obwohl die Freizeitunternehmungen alle sehr schön waren, merke ich nun deutlich, wie ausgelaugt ich bin. So eine durchgeplante Woche in der Tagesklinik ist nämlich nicht gerade wie Urlaub, auch wenn Programmpunkte wie Ergotherapie oder Progressive Muskelentspannung alles andere als anstrengend erscheinen. Eindrücke zu sammeln ist echt anstrengend!

Übrigens habe ich mich bewusst dazu entschieden, in diesem Blogpost sehr offen und ausführlich meine ehrlichen ersten Eindrücke zu teilen, inklusive unschöner und persönlicher Details. Ich hatte bis dato sehr viel Positives über Tageskliniken gehört, obgleich es allgemein (zumindest online) nur eine limitierte Anzahl detaillierter Berichte von ehemaligen Patienten zu finden gibt. Jeder macht sicherlich seine eigenen Erfahrungen; ich möchte meine - auch in Zukunft - teilen, um damit womöglich Betroffenen und Interessierten zu helfen. Vielleicht gelingt es mir auch, beim nächsten Mal mehr fotografische Eindrücke für meine Beiträge mitzubringen, ansonsten gibt es dann eben wieder Vorgarten-Blümchen-Fotos. Die Magnolien werden bis dahin aber mit Sicherheit verblüht sein.

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2 comment/s

  1. Ich finds toll, dass du uns so ausführlich über deinen Aufenthalt in der Tagesklinik berichtest. Auch als "Nichtbetroffene" finde ich es interessant zu lesen und hoffe, dass du dich noch besser eingewöhnst und dir dort geholfen werden kann :) Freue mich schon auf ein nächstes Update

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  2. "Was, wenn sie feststellen, dass ich eigentlich doch viel zu gesund bin, um überhaupt da zu sein?" Schön, dass es auch andere Menschen mit diesem Gedanken gibt. Ich bin noch längst nicht so weit wie Du, aber es fällt mir sehr schwer, dass zu glauben. Auch wenn ich eigentlich weiß, dass es Blödsinn ist und mein Therapeut mich mit Sicherheit nicht nach dem nächsten Termin wegschicken wird, weil ich "zu gesund" bin. Ich finde toll, dass Du so ehrlich und ausführlich berichtest! Das sollten viel mehr Menschen machen.

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