von Gefühlen und Kunst

March 25, 2018


Gefühle zuzulassen und auszudrücken ist manchmal gar nicht so einfach. Für mich zumindest. Jahrelang habe ich meine Tränen zurückgehalten und stattdessen getan, als wäre immer alles cool und ich wäre total unemotional. Es fällt mir daher mittlerweile ziemlich schwer, zu akzeptieren, dass ich eben doch manchmal einfach traurig bin und Tränen dazugehören.

Gefühle zuzulassen und auszudrücken braucht unheimlich viel Stärke. Ich habe mir lange Zeit selbst eingeredet, dass Menschen, die wirklich stark sind, keine Gefühle zeigen. Und vorallem nicht "einfach so" anfangen zu weinen. Aber über die letzten Monate ist mir bewusst geworden, dass es viel mehr verlangt, seine Emotionen zu zeigen und sich dadurch anderen gegenüber angreifbar zu machen, als immer alles von sich abprallen zu lassen. Tatsächlich habe ich oft cool gespielt, aus Angst, für Gefühle und Tränen verurteilt oder erniedrigt zu werden.

Ich weiß, dass viele meiner letzten Posts hier sehr persönlich und vielleicht auch etwas tiefgründiger sind. Aber irgendwie gehört das gerade einfach zu mir. Ich beschäftige mich zur Zeit sehr viel mit mir selbst und lerne täglich dazu. Und vergangene Woche habe ich eben auf's Neue gelernt, dass es für mich manchmal alles andere als leicht ist, meine eigene Trauer (oder vielleicht auch Wut) zuzulassen. Natürlich sind negative Gefühle nicht schön und meist würde man sie am liebsten einfach abschalten, doch vielleicht ist es gar nicht so blöd, sie auch mal zu akzeptieren. Und vorallem, sie auch mal rauszulassen. Meine Therapeutin hat mir empfohlen, auch einfach mal zu weinen. Aber so einfach ist das gar nicht!

Meine ewig lange Erkältung hat mich über den letzten Monat ziemlich mitgenommen und ich fühlte mich daher wieder öfter niedergeschlagen. Mehrfach hatte ich sogar das Verlangen, mal so richtig loszuheulen! (Klingt irgendwie verrückt, ist es aber eigentlich gar nicht.) Doch wahrscheinlich hat eine leise Stimme in meinem Kopf mir das wieder verboten. Leider. Oder glücklicherweise? Über meine Wangen zumindest flossen keine Tränen, aber weil ich doch das Bedürfnis hatte, meine Emotionen auszudrücken, habe ich schließlich Papier, Stift, Pinsel und Farbe zur Hand genommen.

Die Auseinandersetzung mit Kunst ist derzeit für mich eine Art Bewältigungsmechanismus. Lange Zeit hatte ich weder Zeichenstift noch Pinsel in der Hand, doch besonders seit meiner Depressions-Diagnose hilft es mir unheimlich, kreativ zu sein. Gefühle, die ich vielleicht selbst nicht verstehe, nicht in Worte fassen und nicht so einfach ausdrücken kann, kann ich in Zeichnungen und Malereien irgendwie verarbeiten. Außerdem lenkt es mich ab und hebt oft sogar meine Stimmung, etwas einzigartiges zu kreieren. Es motiviert und inspiriert mich, ganz ohne Angst und Druck meine Emotionen ausleben und auf Papier oder Leinwand bringen zu können.

Das Schöne an Kunst ist, dass jeder Betrachter etwas anderes hineininterpretieren kann und dies nicht immer dem entsprechen muss, was der Urheber selbst darin ausdrückt. Klar, meine Zeichnung hier zeigt offensichtlich ein weinendes Gesicht, was einen gewissen Interpretationsrahmen vorgibt, aber sie kann dennoch für jeden etwas anderes bedeuten. Vorallem, wenn man Kunst unabhängig betrachtet und kein Hintergrundwissen dazu hat, ist es spannend zu erfahren, welche unterschiedlichen Assoziationen und Gefühle sie auslösen kann. Ich arbeite derzeit an einer Acrylic Pouring-Serie, die ich sicher irgendwann auch teilen werde. Für mich hat diese Serie einen bestimmten Hintergrund, doch ohne Kontext wird sie für viele sicher nur ein bisschen abstrakt fließende Acrylfarbe auf Leinwand sein. Und das ist wunderbar so.

Mich würde interessieren, was ihr in diesem Bild seht und was es für euch bedeutet? Lasst mir gern ein paar kurze Stichpunkte in den Kommentaren! (Übrigens bekomme ich manchmal das Gefühl, dass niemand hier wirklich aktiv mitliest und ich freue mich sehr, wenn ich da vom Gegenteil überzeugt werde!)

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2 comment/s

  1. Ich mag das Bild sehr! Schön finde ich vor allem, dass Du hier bunte Farben für die Tränen nimmst. So habe ich das Gefühl, dass sie eben nicht nur negatives bedeuten, das nach Regen wieder Sonne kommt. Das es erleichternd sein kann zu weinen. Regenbögen sind wunderschön, aber man sieht sie nur nach dem Regen oder während es auf einer Seite regnet und auf der anderen die Sonne scheint. Das sind so meine Gedanken. Außerdem gefällt mir das nur schemenhaft angedeutete Gesicht und auch die schwarzen Flecken, die genauso ihre Berechtigung haben.
    Das mit dem Feedback kenne ich auch, die meisten sind zu faul zum kommentieren. Aber mit Sicherheit gibt es Menschen die man damit erreicht und am Ende zählt doch nur, was Dir das was Du tust bedeutet. :)

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  2. Das Bild berührt mich, obwohl ich mit Gesichtern nichts anfangen kann (Gesichtsblind). Es nimmt mich ein zieht mich in seinen Bann. Die bunten Tränen, der starre Blick. Sie schaut aus, als würde sie in mich hineinblicken, aber vielleicht ist es auch nicht eine Sie, sondern mein eigenes Spiegelbild. So fühle ich. Und da kommen noch mehr Gefühle hoch. Melancholie. Schöne Melancholie. Eine schöne Traurigkeit, die den Platz mit der Angst, der Panik und daraus resultierende Antriebslosigkeit tauscht.
    Und dann auch zu begreifen, dass Weinen hinaus wäscht. Kunst und Dreck gleichermaßen. Ich wünschte manchmal, beim Anblick verschiedener Farben, ich könnte weinen, weil sie mir einfach das Gefühl geben, es wäre jetzt richtig.

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