F32.9 ­čÉÖ Diagnose Depression

October 13, 2017


Immer, wenn ich in den letzten Monaten gefragt wurde, wie es mir geht, ertappte ich mich dabei, antworten zu wollen: "Mir geht es gut." Weil damit das Thema ganz einfach erledigt w├Ąre. Weil es das ist, was eigentlich immer jeder auf diese Frage h├Âren will: dass es allen gut geht und man sich keine Sorgen um niemanden machen muss. Oft kommt es mir mittlerweile auch einfach automatisch ├╝ber die Lippen, bevor mein Gehirn ├╝berhaupt die Chance hat, wirklich dar├╝ber nachzudenken: "Mir geht's gut, und dir?" Und erst sp├Ąter realisiere ich, dass diese Aussage doch eigentlich in den meisten F├Ąllen schlichtweg dahingelogen ist. 

Die Wahrheit ist: Nein, mir geht es nicht gut. Seit Monaten nicht. Vielleicht schon seit einem halben Jahr. Oder l├Ąnger, ich wei├č es nicht mehr. Am Anfang war da dieser komische innerliche Druck. Erst ganz leicht, doch mit der Zeit immer st├Ąrker. Bis es sich irgendwann anf├╝hlte, als w├Ąre meine Brust kurz vor dem Zerplatzen. Ich habe mich irgendwie halbherzig durch die Arbeitstage geschleppt und mein einziger Antrieb war irgendwann nur noch der Gedanke an das kommende Wochenende, den n├Ąchsten Urlaub, den bevorstehenden Umzug. Die Hoffnung darauf, dass dieser ekelhafte Druck mit einem neuen Leben in anderer Umgebung und einem neuen Job besser werden w├╝rde, hat mich eine Zeit lang ├╝ber Wasser gehalten. Doch schon nach den ersten Tagen im neuen B├╝ro kamen mir wieder die Zweifel. Statt mich, wie erhofft und eigentlich auch abgesprochen, langsam an den neuen Job gew├Âhnen zu k├Ânnen, lag pl├Âtzlich ein millionenschwerer Druck auf mir. Statt mich besser zu f├╝hlen, ging es mir von Tag zu Tag schlechter. Ich f├╝hlte mich schwach und unerfahren und gab dennoch alles, um meiner neuen Aufgabe und dem neuen Chef irgendwie gerecht zu werden. 

Mitte Juli, nur zwei Wochen, nachdem ich den neuen Job begonnen hatte, sa├č ich zum ersten Mal heulend bei meiner Haus├Ąrztin. Einer Frau, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich betrat die Praxis, um mit der ├ärztin ├╝ber meine st├Ąndig st├Ąrker werdenden H├╝ft- und R├╝ckenschmerzen zu sprechen und verlie├č sie tr├Ąnen├╝berstr├Âmt mit einer ├ťberweisung zur Psychotherapie und einem Rezept f├╝r ein Medikament, das sich sp├Ąter als Antidepressivum herausstellte. Sie hatte mir an dem Tag auch angeboten, mir eine Krankschreibung mitzugeben, aber das habe ich abgelehnt. Immerhin war ich gerade einen halben Monat im neuen Job und wollte nicht so schnell aufgeben. Ich wollte St├Ąrke zeigen und schauen, ob es vielleicht doch noch von allein besser wurde. Statt der Krankschreibung gab sie mir also einen Folgetermin f├╝r Anfang August.


Die darauffolgenden zwei Wochen waren wohl die bisher schlimmsten Wochen meines Lebens. (Wenn ich das so sagen kann?) Meine Symptome wurden von Tag zu Tag schlimmer. Zu den k├Ârperlichen Schmerzen und der inneren Unruhe kamen Ersch├Âpfung und st├Ąndige M├╝digkeit. Ich hatte Probleme, mich auf der Arbeit zu konzentrieren. Mein Kopf war ein reines Gedankenchaos und gleichzeitig fiel es mir schwer, auch nur einen dieser Gedanken in Worte zu fassen. Wenn ich nachmittags nach Hause kam, legte ich mich nur noch auf das Sofa und w├Ąre am liebsten sofort eingeschlafen. Ich hatte keine Kraft mehr. Manchmal habe ich mir gew├╝nscht, einfach einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen. Ich wollte gar nichts mehr tun. Ich ber├╝hrte meine Kamera nicht, ging nicht mehr hinaus, ich lag einfach nur da. Und heulte. Ich heulte sehr viel. So viel wie noch nie. Unendlich m├╝de und mit h├Ąmmernden Kopfschmerzen ging ich abends zu Bett. Und am n├Ąchsten Morgen stand ich auf, fuhr wie ein Zombie mit dem Rad zur Arbeit und unterdr├╝ckte dort stundenlang mein Geheul. Eines Tages sa├č ich an meinem Schreibtisch, versuchte mit aller Kraft, mich auf meine Elektropl├Ąne zu konzentrieren, w├Ąhrend meine Arme taub wurden und ich meine H├Ąnde nicht mehr sp├╝ren konnte. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon lange nicht mehr, wie ich das noch weiter aushalten sollte. Wie ich mich t├Ąglich zur Arbeit schleppen sollte, w├Ąhrend mir nichts mehr Freude bereitete und ich nicht mal mehr meine Freizeit genie├čen konnte. Irgendwie machte mein Leben gar keinen Sinn mehr. Ich konnte nicht mehr lachen, mich auf und ├╝ber nichts mehr freuen und wusste einfach nicht, wie sich das jemals wieder bessern sollte. 

Einzig der Gedanke an den bevorstehenden Termin bei einer Psychotherapeutin, der wohl schon monatelang ├╝berf├Ąllig war, lie├č mich die Tage bis Ende Juli irgendwie ├╝berstehen. Und dann sa├č ich bei ihr, an einem Freitag, den ich mir f├╝r die R├╝ckgabe meiner alten Wohnung freignommen hatte, und erz├Ąhlte wieder einer fremden Frau meine halbe Lebensgeschichte. Also zumindest so viel davon, wie ich in den 45 Minuten unter Tr├Ąnen rausbekam. Ich erz├Ąhlte ihr von diesem komischen Druck in meiner Brust, von dem Druck auf der Arbeit, von all dem Druck, der seit Jahren von vielerlei Seiten auf mich ausge├╝bt wird. Von Kritik und Selbstzweifel und von den Dingen, die mir im letzten Jahr an den Kopf geworfen wurden. Und schlie├člich verlie├č ich ihren Raum mit einem hellblauen Zettel auf dem stand: Diagnose F32.2, schwere depressive Episode.


Und hier sitze ich nun, ├╝ber zwei Monate sp├Ąter und schreibe diesen Blogpost und irgendwie ist alles anders, aber irgendwie ist auch alles noch genauso wie an diesem Tag Ende Juli. Anfangs h├Ątte ich mich am liebsten in einem Loch vergraben und keinem erz├Ąhlt, was mit mir los ist. Oder aber, ich h├Ątte weiter versucht, den Anschein zu erwecken, dass es mir gut geht, w├Ąhrend ich mich innerlich total kaputt f├╝hlte. Eine Weile lang habe ich tats├Ąchlich beides getan. Aber mittlerweile habe ich entschieden, dass damit Schluss sein soll. Ich m├Âchte mich nicht weiter verstecken. Ich m├Âchte nicht so tun, als w├Ąre alles prima in meinem Leben, wenn es das ganz offensichtlich nicht ist. Ich habe Depressionen. Nur, wie sage ich das? Wie spricht man ein Thema an, was in der heutigen Gesellschaft aus mir unerkl├Ąrlichen Gr├╝nden noch immer tabu ist? Wie erkl├Ąre ich jemandem, wie es mir wirklich geht, wenn ich es doch oft selbst nicht wei├č? Wie reagiere ich, wenn mich andere daf├╝r verurteilen, mich als Psycho abstempeln, mich vielleicht nicht ernst nehmen?

"Du siehst gar nicht aus, wie die typische Depressive." Aber wie sieht man denn eigentlich aus, wenn man depressiv ist? Wie viele Leute gibt es vielleicht in meinem Umfeld, in deinem Umfeld, in unserem Umfeld, die an einer depressiven oder anderweitigen psychischen St├Ârung leiden, aber dies nicht offen zeigen? Die sich t├Ąglich waschen, ordentliche Kleidung tragen, zur Arbeit gehen und mit Freunden lachen. Die einfach versuchen, stark zu sein und normal weiterzuleben. Weil es ihnen vielleicht hilft, die Krankheit zu ├╝berstehen. Oder aber, weil sie Angst haben. Angst vor Vorurteilen. Angst vor Ablehnung. Angst vor Kommentaren von Leuten, die (zu ihrem Gl├╝ck) nicht wissen, wie es ist, sich schwach und allein und verloren und wertlos zu f├╝hlen. Die nicht wissen, wie es ist, wenn das ganze Leben pl├Âtzlich keinen Sinn mehr ergibt. Da kann die kleinste negative Aussage schon eine unfassbar gro├če Wirkung haben und dazu beitragen, dass man sich als betroffene Person noch schlechter f├╝hlt. Und genau deswegen sitze ich hier und tippe diesen Blogpost: um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Um dieses d├Ąmliche Tabu zu brechen. Um euch zu erkl├Ąren, was eine Depression eigentlich ist und wie sie sich anf├╝hlt. Um zu zeigen, dass man als Au├čenstehender vor psychischen St├Ârungen generell keine Angst haben muss, sondern wie wichtig es ist, Personen mit solchen Krankheiten zu unterst├╝tzen. Ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind und es Millionen von Menschen gibt, die genau das oder etwas ├Ąhnliches auch durchmachen. Und dass man Hilfe suchen und eine solche Episode ├╝berwinden kann.

Ich wei├č, wie es sich anf├╝hlt, in ein tiefes Loch zu fallen. Am Boden zu liegen, vollkommen matschig, und sich zu w├╝nschen, alles w├╝rde endlich ein Ende haben. Und dass man in dieser Situation denkt, man w├╝rde nie wieder aus diesem Loch herauskommen. Obwohl die Leiter vielleicht genau neben einem steht. Man muss sie nur hinauf klettern. Und ich wei├č auch, wie schwer es ist, die erste Stufe zu besteigen. Dass wom├Âglich erst jemand zu einem hinunter klettern und die Hand austrecken muss. Dass man dann trotzdem noch Zweifel hat, aber vielleicht pl├Âtzlich doch drei Stufen auf einmal nimmt. Und noch eine. Und dann auf einmal wieder zwei nach unten rutscht. Ich wei├č, dass es nicht leicht ist, dieses ewige Auf und Ab. Dass man sich an einem Tag wieder gut f├╝hlt, und stark, und dann am n├Ąchsten Tag wieder am Boden sein kann. Dass es viel Kraft kostet, sich selbst zu helfen, aber auch Hilfe anzunehmen. Aber ich wei├č auch, dass aufgeben keine Option ist.

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2 comment/s

  1. Thank you for sharing this. I've been following your posts for a while and am a big fan. I believe you will come through this even stronger and more confident than before. We are rooting for you!

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