die Sache mit der Fernbeziehung

April 21, 2017



Noch vor ein paar Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, jemals eine Fernbeziehung zu führen. Irgendwie hatte sich mir der Sinn nicht erschlossen, einen Partner zu haben, der in einer anderen Stadt wohnt. Denn für mich war das Beste an einer Beziehung immer, jemanden nah bei mir zu haben. Auch mal spontan etwas gemeinsam machen zu können. Oder noch besser, zusammen zu wohnen. Sich nur an den Wochenenden sehen zu können und unter der Woche eigentlich ein komplett eigenständiges Leben zu führen, fast als wäre man single, empfand ich irgendwie als schwachsinnig.

Damals, kurz vor Beginn meines Studiums, war ich gerade ziemlich frisch in meiner allerersten Beziehung. (Ja, mit fast 20 war ich wohl echt bisschen spät dran, was das Thema Partnersuche angeht, aber rückblickend finde ich es tatsächlich ganz gut so.) Als es darum ging mich für eine Hochschule oder Uni zu entscheiden, stand für mich fest: wenn ich zum Studieren in eine andere Stadt gehen würde, würde dies automatisch das Ende der Beziehung bedeuten. Und weil ich das damals nicht wollte und ich mich auch aus diversen anderen Gründen noch nicht bereit fühlte, meine Heimat zu verlassen, wählte ich statt des besseren Studienabschlusses lieber die gemeinsame Wohnung. Ein bisschen naiv, vielleicht. Bereut habe ich diese Entscheidung dennoch keine Sekunde. Selbst, als besagte Beziehung dreieinhalb Jahre später in die Brüche ging.

Nach dreieinhalb Jahren des Zusammenlebens plötzlich wieder single zu sein und zum ersten Mal so richtig allein zu wohnen, war anfangs schon ziemlich merkwürdig. Doch bald hatte ich mich daran gewöhnt und genoss es, meine Freizeit ganz nach meinen Vorstellungen gestalten zu können, ohne auf einen Partner oder Mitbewohner Rücksicht nehmen zu müssen. Ich verbrachte meine Abende mit Sport und meine Wochenenden größtenteils mit Game of Thrones. Ich kochte, was ich wollte; mal richtig dekadent und dann wieder Tage lang gar nicht. Ich ging zeitig ins Bett und stand zeitig auf. Sorgte dafür, dass meine Wohnung immer penibel aufgeräumt und sauber war. Manchmal sprach ich tagelang kein Wort, einfach weil niemand da war, mit dem ich hätte reden können. Ich liebte es, allein und frei zu sein.

Sofort wieder eine Beziehung einzugehen, bei der man 24/7 aufeinander hockt und nur noch an den Partner denkt, wäre für mich zu dem Zeitpunkt der Overkill gewesen. Und genau deswegen ließ ich mich auch darauf ein, Philipp kennenzulernen. Wahrscheinlich rechnete ich sowieso nicht damit, dass sich mehr als eine Bekanntschaft daraus entwickeln würde. Irgendwie war ich wohl immer noch davon überzeugt, dass Fernbeziehungen nichts für mich wären und da er aus einer anderen Stadt kam, gab ich dem Ganzen eher so mittelmäßige Chancen. Hah. Ich lag wohl ziemlich falsch.

Es stellte sich dann doch sehr schnell heraus, dass eine Fernbeziehung genau passend für meine Bedürfnisse war. Ich konnte meine Arbeitswoche genau gestalten wie vorher; tun und lassen, was ich wollte. Ich verlor nichts von meiner Freiheit, blieb weiter ein eigenständiger Mensch mit einem eigenständigen Leben. Nur, dass da irgendwo, hundertzwanzig Kilometer entfernt, noch jemand war, der mir ab und zu schrieb und mir das Gefühl gab, wichtig zu sein. Und die Wochenenden waren endlich nicht mehr so eintönig.

Die wenigen gemeinsamen Tage, die uns zwischen Freitag und Montag bleiben, genießen wir immer umso intensiver. Gefühlt habe ich in den dreieinhalb Jahren der vorherigen Beziehung nicht so viel unternommen, wie an den Wochenenden der letzten sechs Monate. Natürlich will ich Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, und je nach Persönlichkeit verläuft nunmal jede Partnerschaft anders. Aber man erlebt eine Beziehung schon anders, wenn man sich nicht mal eben so für eine halbe Stunde auf einen Kaffee sehen kann. Da muss ein Treffen genauer geplant werden, selbst wenn die - in meinem Fall - ein bis zwei Stunden Fahrtzeit noch relativ human sind. Und wenn man sich dann an den Wochenenden sieht, möchte man die Zeit zusammen auch irgendwie sinnvoll nutzen.

Klar, man macht auch ab und an noch was getrennt oder geht gemeinsam mit Freunden weg, aber irgendwie ist das alles längst nicht mehr so spontan. Bei Singles oder Pärchen, die sich die ganze Woche über sehen können, trifft das dann irgendwie häufig auf Unverständnis. Aber vielleicht ist das auch nur mein persönlicher Eindruck.
Jedenfalls habe ich jetzt, nach etwa einem halben Jahr oder so (who knows), eine Menge persönlicher Eindrücke gesammelt und kann ein Fazit zum Konzept der Fenbeziehung ziehen. Denn auch, wenn ich ihren Sinn vorher nicht verstanden habe, kam die Sache mit der Fernbeziehung doch zum richtigen Zeitpunkt in meinem Leben. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, Freiheiten zu haben. Dass man in einer Partnerschaft nicht jeden Tag den ganzen Tag aufeinander hocken muss, es aber dennoch wichtig ist, sich Zeit für einander zu nehmen. Dass man eine eigenständige Person mit eigenständigen Zielen ist und bleiben sollte. Dass man sich nicht von jemandem anhängig machen darf. So ganz allgemein im Leben. Dass es okay ist, verschiedene Meinungen zu haben. Dass man dennoch Kompromisse eingehen kann. Ich habe gelernt, wie es ist, jemanden zu vermissen und trotzdem glücklich zu sein. Ich habe gelernt, dass ich oft gern allein einschlafe und aufwache, aber auch genauso gern neben ihm. Ich habe gelernt, die beste Busverbindung für den besten Preis zu buchen und meine Tasche so leicht wie möglich zu packen.

Und ich hoffe, all das vergesse ich nicht, wenn unsere Fernbeziehung dann mal ein Ende hat. Denn nach einer Unterhaltung mit einem Kollegen vor einigen Wochen habe ich erstmal realisiert, dass es sich tatsächlich manchmal so anfühlt, als hätte ich keine wirkliche Heimat mehr. Die Hälfte meiner Freizeit verbringe ich aktuell in der Ferne, die andere Hälfte in meiner eigenen Wohnung. Da lohnt es sich kaum, so viel Miete für eine tolle Wohnung zu bezahlen, wenn sie so häufig tagelang leer steht. Obwohl ich mich über die letzten Monate an diesen Umstand gewöhnen konnte und die Vorteile eine Fernbeziehung zu schätzen weiß, so habe ich doch festgestellt, dass das für mich auf lange Sicht trotzdem nicht ideal ist.

Denn ich verbringe eben gern Zeit mit der Person, die ich mag. Dabei müssen wir nicht mal aktiv etwas gemeinsam machen. Oft reicht es mir, zusammen auf dem Sofa zu sitzen, während jeder sein Ding macht. Er bearbeitet Fotos, ich schreibe Blogposts. Es kann passieren, dass dabei stundenlang kein Wort gesprochen wird. Und ich denke, so sehr ich meine Zeit für mich allein brauche - again: mehr dazu in einem kommenden Post über Introversion - so tut es mir doch gut, auch den Alltag mit jemandem teilen zu können. Abends nach der Arbeit noch etwas zu unternehmen, zusammen zu kochen oder auch einfach etwas allein zu machen und dann in das gemeinsame Bett zu fallen.

Meiner Meinung nach ist es sowieso mal wieder Zeit für eine Veränderung in meinem Leben und vielleicht kann ich ja dann in ein paar Monaten berichten, dass die Fernbeziehung gegen eine gemeinsame Wohnung getauscht wurde, wir werden es sehen!


Bisherige Posts dieser Serie: die Sache mit dem Sport und der Routine und die Sache mit der Produktivität. // Im Rahmen dieser "Sache" teile ich hier mehr oder weniger regelmäßig meine Gedankenkotze. Achtung vor herunterfallenden Kotzbrocken! Das Tragen eines Ganzkörperkondoms ist zu empfehlen!

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1 comment/s

  1. Als mein Mann und ich noch zur Schule gingen, er in die Oberstufe, ich an die Berufsschule, haben wir uns auch nur an den Wochenenden gesehen. Wir wohnten zwar nur 10 km auseinander, aber keiner hatte ein Auto, die Züge fuhren lächerlich und eigentlich hatten wir keine Zeit uns zu sehen. Daher haben wir gut 2, 3 Jahre immer nur die Wochenenden zusammen verbracht.
    ich empfand das eigentlich auch als angenehm. Dennoch brauchte ich, für mich, die Gewissheit er ist ganz nah, falls ich ihn doch unbedingt mal sehen möchte.
    Es stand im Raum, ob er nach dem Abi ins Ausland geht. Ich habe ihn ganz egoistisch gebeten es nicht zu tun. Und er blieb. jetzt sind wir 9 Jahre zusammen und 3 verheiratet.
    Ich könnte mir vorstellen, dass wir zusammen noch mal ins Ausland gehen, später. Vielleicht auch mit Kind und Hund. Man weiß ja nie was kommt.

    Lary

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