Landliebe

August 17, 2015

(Nein, ich rede hier nicht von Joghurt. In Ermangelung eines besseren Titels/Begriffs sehe ich mich irgendwie gezwungen, noch extra zu betonen, dass das hier kein Artikel über Molkereierzeugnisse wird. Es wird hier um meine Liebe zum Land gehen. Und darum, wie froh ich jedes Mal bin, wenn ich nach dem Dorfbesuch wieder zurück in die Stadt fahren kann.) 

Ich bin ein Stadtkind. Durch und durch. In einer Großstadt wurde ich vor mittlerweile fast 23 Jahren geboren, da bin ich aufgewachsen und lebe ich noch immer. Ich liebe es, den öffentlichen Personennahverkehr direkt vor der Haustür zu haben und auch nach 21 Uhr noch in den nahegelegenen Supermarkt gehen zu können um Lakritz zu kaufen. Auf den Straßen herrscht Leben und in der Innenstadt gibt es allerlei Dinge zu sehen und zu tun. Doch manchmal fehlt mir die Weite, wie man sie nur auf dem Land findet. Und die Ruhe. (Okay, aber nicht der Hahn, der morgens um Fünf kläglich zu krähen versucht. Der fehlt mir nie.)



Wenn ich die sechzig Kilometer raus auf's Dorf fahre, dann merke ich nicht nur, wie sich die Umgebung verändert, sondern auch, wie sich meine mentale Geschwindigkeit verlangsamt. Alles wirkt entschleunigt. Ich fühle mich schlagartig weniger gestresst. In diesem Sackgassen-Örtchen mitten im Nirgendwo ticken die Uhren irgendwie anders. Hier sind andere Dinge wichtig, andere Dinge nichtig. Der Charme der umliegenden Gehöfte versetzt mich gedanklich einige Jahrzehnte zurück. Zurück in längst vergangene Zeiten. Ohne ständig klingelnde Mobiltelefone, das Internet, täglich aktualisierte Blogs. Von der Ferne dröhnt der Motor eines Traktors und zwischen dem Meer aus Rosen summen unendlich viele Insekten. Eine der vielen Hofkatzen schlängelt sich miauend um meine Beine. Die Schwalben fliegen tief. Hier ist es noch eine kleine Sensation, wenn mal ein Auto vorbeifährt, und ich ertappe mich dabei, wie ich in Richtung Hoftor laufe, um zu schauen, wer sich wohl in so ein kleines Nest verirrt.


Ich liebe diesen Ort. Ich liebe es, auf der Wiese unter den Kirschbäumen zu träumen und nicht ständig an die Grausamkeiten der so weit entfernt scheinenden Welt erinnert zu werden. Auf dem Land zu sein ist ein bisschen wie Urlaub für meine Seele. Dort kann ich mich noch denken hören. Dort zählt noch das Hier und Jetzt. Aber irgendwie bin ich doch jedes Mal wieder froh, wenn ich die Ruhe hinter mir lassen und wieder in eine für mich realere Welt eintauchen kann. Zurück auf die Autobahn, zurück in die Großstadt. Endlich wieder Supermärkte, Straßenbahnen, soziale Kontakte. Ab zur nächsten Dönerbude, in der Schlange stehend noch schnell die neuesten Nachrichten checken. Attentat, Flüchtlingsdrama, Griechenland. 3€, Danke, Tschüss.



Ich brauche das schnelle Stadtleben. Ständig mittendrin stehen, ständig online sein, ständig mehr wollen. Bis die Enge der Häuserschluchten mir wieder zu viel wird und ich zum Durchatmen nach draußen fahre. Dorthin, wo ich die kleinen, so unwichtig gewordenen Dinge des Lebens zu schätzen lerne. Ein funktionierendes WC, und nachts nicht mehr über den Hof zum Kompostklo in die finstere Scheune gehen zu müssen. Das knisternde Kaminfeuer im Spätherbst. Bücher, die innerhalb weniger Stunden verschlungen sind.

Ich brauche die langsame Landliebe. Um mich daran zu erinnern, wie gut es mir eigentlich geht. Und dass ich die Dinge, die in der Stadt mittlerweile zu Nichtigkeiten geworden sind, nicht als selbstverständlich hinnehmen darf. Dass ich sie auch dort wieder zu schätzen lernen sollte.



(Ehem. Eigentlich war dieser Post auf diese Weise gar nicht geplant. Ich wollte euch einige der Fotos zeigen, die ich vor einigen Wochen bei meinem Vater aufgenommen habe und etwas dazu schreiben. Aber irgendwie hat mich das Ganze nachdenklich gemacht und der Text hat sich entwickelt und ich denke, das ist genau gut daran. Auch wenn ich grad nicht sicher bin, ob das alles einen Sinn ergibt. Solange ich jedoch damit inspirieren oder nachdenklich machen kann oder einfach jemandem die Fotos gefallen, ist das aber eigentlich auch nebensächlich. Mich würde in dem Zuge auch gleich mal interessieren, ob ihr eher Stadtkind oder Landliebhaber seid?)

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3 comment/s

  1. Durch und durch Landkind, ich lebe nun schon seit 18 Jahren in einem Dorf mit 1600 Einwohner im Schwarzwald :) vOn Stuttgart bin ich ca. 70 km weg, gerne bin ich auch dort, freue mich jedoch immer wieder in mein kleines Paradis zurück zu kommen :)

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  2. Wundervoll geschrieben!
    Ich bin doch eher das Dorfkind. Das Leben in Brüssel hat mich erschlagen. Ich brauche Felder und Parks, ich brauche eine grüne Insel in unmittelbarer Nähe. Die Großstadt ist so unpersönlich und kalt. Aber ich glaube jeder mag das am liebsten, wo er aufgewachsen ist :)

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  3. Ein toller Blopost! Wunderschön geschrieben und tolle Bilder :) Darf ich fragen, wie du das eingerichtet hast, dass man deinen Instagram Feed an der Seite auf deinem Blog sieht ?

    LG Laura
    http://www.onlyxlaura.blogspot.de

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